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«Recyclingbaustoffe haben viel Potenzial»

Das Thema Nachhaltigkeit ist allgegenwärtig – und wird auch beim Kanton grossgeschrieben. So fördert das Tiefbauamt etwa den Einsatz mineralischer Recyclingbaustoffe beim Bau der Fundations- und Deckschichten von Strassen. «Mit dieser Anwendung stehen wir aber erst am Anfang», erläutert Amtsvorsteher Stefan Studer, «das Potenzial ist gross.»

Die noch vorhandenen, abbaubaren Kiesvorkommen im Kanton Bern sollten möglichst haushälterisch genutzt und verwendet werden. Deshalb sind im stark normierten Tief- und Strassenbau Innovationen gefragt. Das Zauberwort heisst hier: Recyclingbaustoffe. Denn wird mineralischer Bauschutt wiederverwertet, so schont dies nicht nur natürliche Ressourcen wie z.B. beim Kiesabbau, sondern reduziert auch den Bedarf an Deponieraum sowie die Eingriffe ins Landschaftsbild. Das Ziel des TBA ist es deshalb, im Kantonsstrassenbau wie auch bei der Netzfertigstellung der Nationalstrassen langfristig eine möglichst hohe Recyclingrate zu erreichen. Studer: «Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und auch die Gemeinden motivieren, dem Thema nachhaltiges Bauen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.»

Bauschutt neu aufgelegt

Aufbereitungsanlagen stellen aus mineralischem Bauschutt Recyclingbaustoffe her, die im selben Bereich wie vorher wieder zum Einsatz kommen (Grafik: Bundesamt für Umwelt).

Bild vergrössern Aufbereitungsanlagen stellen aus mineralischem Bauschutt Recyclingbaustoffe her, die im selben Bereich wie vorher wieder zum Einsatz kommen (Grafik: Bundesamt für Umwelt).

Der Vorrat an mineralischen Bauabfällen ist gross, machen sie doch mengenmässig den grössten Teil von Bauschutt aus. Sie entstehen etwa beim Aufbrechen von Strassen oder beim Rückbau von Hochbauten. Generell lassen sich dabei vier Stoffgruppen unterscheiden, die von Gesetzes wegen noch auf der Baustelle voneinander getrennt werden müssen. Aus ihnen stellen Aufbereitungsanlagen wiederum sechs unterschiedliche Recyclingbaustoffe her (siehe Grafik). Bauunternehmen setzen diese in der Regel zum selben Zweck ein wie bei der erstmaligen Verwendung, also z.B. Asphaltgranulat als Baustoff für einen Strassenbelag.

  • Ausbauasphalt: Er entsteht durch schichtweises Abfräsen oder Aufbrechen des Strassenbelages und wird dann zu Asphaltgranulat weiterverarbeitet.
Aus Asphaltschollen und -fräsgut entsteht Asphaltgranulat (Fotos: Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern).

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  • Kiesmaterial: Werden ungebundene Fundations- und Tragschichten einer Strasse ausgehoben, aufgebrochen oder gefräst, so resultiert letztlich Kiessand.
  • Betonabbruch: Er entsteht, wenn man Betonkonstruktionen und -beläge abbricht oder abfräst. Er kann schliesslich in Form von Granulat wiederverwendet werden.
Betonabbruch wird zu Betongranulat verarbeitet (Fotos: Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern).

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  • Mischabbruch: Er bildet sich durch ein Gemisch aus mineralischen Bauabfällen wie Beton, Backstein-, Kalksandstein- und Natursteinmauerwerk und wird zu Mischabbruchgranulat verarbeitet.
Mischabbruch ergibt schliesslich den Recyclingbaustoff Mischabbruchgranulat (Fotos: Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern).

Bild vergrössern Mischabbruch ergibt schliesslich den Recyclingbaustoff Mischabbruchgranulat (Fotos: Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern).

Gewisse Bremsen sind noch vorhanden

Bauherren und Planer setzen solche Materialien derzeit eher noch zurückhaltend ein: «Recyclingbeton kommt im Hochbau schon weitläufig zum Einsatz, im Tiefbau hingegen gibt es derzeit weniger Einsatzmöglichkeiten», so Studer. Er wird etwa zum Hinterfüllen von Bauteilen verwendet, nicht aber bei tragenden Bauwerken wie z.B. Brücken, bei denen hohe Qualitätsanforderungen an den Beton gelten. Denn im Interesse der Langlebigkeit von Kunstbauten und um Schäden an der Bausubstanz zu verhindern, müssen Recyclingbaustoffe dieselben technischen Anforderungen erfüllen wie konventionelle Baustoffe. Bezüglich ihrer Einsatzbereiche bieten etwa die Verwendungsempfehlungen für den Kanton Bern, die in Zusammenarbeit mit dem Kantonalen Kies- und Betonverband entstanden sind, eine Hilfestellung. Sie beschreiben, welcher Recyclingbaustoff für welches Bauteil verwendet werden soll oder kann.

Die Recyclingrate nimmt zu

Doch die Tendenz ist steigend: Die Recyclingrate von mineralischen Rückbaustoffen im Kanton Bern liegt derzeit schon bei über 80 Prozent und die Verwendung der recycelten Materialien nimmt jährlich um zwei bis drei Prozent zu. Das TBA ist bestrebt, deren Einsatz weiter voranzutreiben. Studer bevorzugt dabei ein schrittweises Vorgehen, bei dem zunächst Recyclingbaustoffe gezielt auf Teststrecken zur Anwendung kommen und fallweise einer Wirkungskontrolle unterzogen werden, bevor man sie grossflächig einsetzt. So hat das Tiefbauamt im Jahr 2014 auf verschiedenen Strassen Deckbeläge mit einem Recyclinganteil von 50 Prozent eingebaut, die Normen empfehlen einen maximalen Anteil von 30 Prozent. Die bisherigen Resultate stimmen gemäss Studer optimistisch. Doch der Fortschritt soll nicht auf Kosten der Qualität oder des Budgets gehen. Deshalb unterstreicht auch er: «Wir wollen bei der Qualität keine Kompromisse eingehen und möglichst langlebige Produkte einsetzen. Diese sollten aber nicht mehr kosten als konventionelle Materialien.»

Auch bei der Sanierung der Lyssachstrasse in Urtenen-Schönbühl kamen Recyclingbaustoffe zum Einsatz.

Bild vergrössern Auch bei der Sanierung der Lyssachstrasse in Urtenen-Schönbühl kamen Recyclingbaustoffe zum Einsatz.

Der Austausch ist zentral

Um das grosse Potenzial von Recyclingbaustoffen auch wirklich ausschöpfen zu können, müssen alle beteiligten Parteien an einem Strang ziehen. Dafür bedarf es auch des Wissens- und Erfahrungsaustausches. Aus diesem Grund hat das TBA einen Runden Tisch organisiert, an dem Vertreter des Kantonalen Kies- und Betonverbandes (KSE Bern), von Ingenieurbüros, Bauunternehmungen und der öffentlichen Hand teilnehmen: «Der regelmässige Austausch dient dazu, sich gegenseitig über die neusten Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, Erfahrungen auszutauschen und die verschiedenen Partner zu sensibilisieren», so Studer. Seiner Erfahrung nach seien dabei alle Beteiligten sehr motiviert, am Ball zu bleiben. Die Sterne für Recyclingbaustoffe stehen also günstig.

Ein Recyclingbelag für Mättenberg

2014 musste der Deckbelag auf der Kantonsstrasse Thörigen-Ochlenberg-Linde routinemässig saniert werden. Das TBA ergriff die Chance und baute eine Deckschicht mit 50 Prozent Recycling-Anteil ein – die Norm gibt einen Anteil von maximal 30 Prozent vor. Für die Teststrecke von 400 Metern Länge und 5,25 Metern Breite verwendete das Tiefbauamt das Recyclingmaterial Asphaltgranulat. Der Versuch stimmt zuversichtlich: «Das Ergebnis ist gut, die Kennwerte entsprechen weitgehend den Normanforderungen. Nur bei einzelnen Grössen konnten wir geringfügige Abweichungen feststellen», sagt Jakob Beck, Projektleiter im Oberingenieurkreis Oberaargau/Emmental, und fügt an: «Wir werden also voraussichtlich noch weitere Teststrecken anlegen.»

Teststrecke Mättenberg: Mit dem 50%-Recycling-Deckbelag hat das TBA gute Erfahrungen gemacht.

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Elektroofenschlacke als Baumaterial

Der Oberingenieurkreis Oberaargau/Emmental wartet noch mit einem weiteren Recycling-Pionierprojekt auf. Denn in Hellsau hat das TBA für die Verbreiterung der Kantonsstrasse Bern-Zürich auf einer Länge von 780 Metern Elektroofenschlacke (EOS) als Fundationsmaterial verwendet. Dies ist ein industrielles Nebenprodukt, das bei der Stahlherstellung entsteht. Auf das Fundationsmaterial wird anschliessend der Asphaltbelag aufgebracht. Gemäss Beck bestehe hier die Herausforderung darin, das in loser Form gelieferte Material ausreichend zu verdichten. «Bei korrektem Walzen sind die Tragfähigkeits- und Verdichtungswerte aber gut.» Beziehe man den Einsatz eines solchen Materials zudem frühzeitig in die Planung ein, könnten auch die Baukosten gesenkt werden, betont Beck. Ausserdem ist es wichtig, frühzeitig abzuklären, ob solches Material aufgrund der Gewässerschutzvorschriften im konkreten Fall überhaupt verwendet werden darf.

Der OIK Oberaargau/Emmental setzt erstmals Elektroofenschlacke als Fundationsmaterial im Strassenbau ein (Bild: Basler & Hofmann West AG).

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Diesse: Aus alt mach neu

Auch der Oberingenieurkreis Seeland/Berner Jura konnte bereits Erfahrungen mit Recyclingbaustoffen sammeln, z.B. bei der Sanierung der Ortsdurchfahrt Diesse im vergangenen Jahr. Dort hat die Dienststelle Berner Jura des TBA die Deck- und Fundationsschicht der alten Strasse für den Bau der neuen wiederverwendet. Nach dem Ausbau der beiden Schichten bearbeitete eine mobile Aufbereitungsanlage das Material direkt vor Ort, worauf es wieder für die Fundation verwendet wurde. Auf diese Weise konnten die Transportwege reduziert und Zeit gespart werden. «Die Schwierigkeit bestand darin, genügend Platz zur Zwischenlagerung der recycelten Materialien zu finden», erzählt Cédric Berberat, Leiter der Dienststelle Berner Jura. Dennoch ist er überzeugt von diesem Verfahren, das seine Abteilung bereits mehrmals angewendet hat: «Wir waren bisher immer zufrieden und können diese Methode nur weiterempfehlen.»

Bei der Sanierung der Route de Prêles in Diesse wurden die Materialien der alten Strasse zu einem grossen Teil vor Ort wiederverwendet.

Bild vergrössern Bei der Sanierung der Route de Prêles in Diesse wurden die Materialien der alten Strasse zu einem grossen Teil vor Ort wiederverwendet.


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