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«Normen hinken der Technik hinterher»

Die Verwendung von Recyclingbaustoffen im Tiefbau vorantreiben – das ist das erklärte Ziel. Dazu hat das TBA einen Runden Tisch initiiert, an dem sich Vertreter der kantonalen Kiesbranche, von Ingenieurbüros, Bauunternehmen und der öffentlichen Hand über Praxiserfahrungen und aktuelle Entwicklungen austauschen. Die Diskussion hat neue Inputs geliefert, sind sich Amtsvorsteher Stefan Studer und Bernhard Hirschi vom Kantonalen Kies- und Betonverband (KSE Bern) einig.

 

Herr Hirschi, welchen Anteil machen Recyclingbaustoffe beim KSE Bern heute aus?

Hirschi: Aufbereitungsanlagen recyceln das gesamte Material, das sortenrein getrennt angeliefert wird. Heute sind das im Bernbiet ca. 20 Prozent des Gesamtkiesausstosses. Mehr wäre möglich, denn oft wird unsauber gearbeitet: Wegen des Zeitdrucks fräsen Bauunternehmen unterschiedliche Strassenschichten gleichzeitig ab und vermischen die Baustoffe. Das verunmöglicht es uns, Produkte mit höheren Recyclinganteilen herzustellen.

Studer: Das sortenreine Auftrennen bedeutet für den Bauherrn mehr Arbeitsschritte und somit mehr Aufwand. Da besteht Optimierungspotenzial: Wie kann man effizient – mit geringen Mehrkosten – auf der Baustelle eine sortenreine Trennung erreichen, um damit Qualitäts-Recyclingprodukte herzustellen? Für uns ist diese Qualität zentral, die Beläge müssen 15 Jahre überdauern. Hier wollen wir keine Kompromisse eingehen.

Hirschi: Bei unseren Produkten – recycelt oder nicht – gibt es keine Qualitätsunterschiede! Das kontrollieren wir an 150 bis 200 Belägen pro Jahr. Mit der heutigen Technik können wir die Anforderungen erfüllen – aber alles hängt vom angelieferten Material ab. Da sollten Bauherren schon bei der Ausschreibung ansetzen ...

Studer: Hier haben wir bereits Massnahmen ergriffen. Unsere Ausschreibungen vermeiden unnötig einschränkende Bestimmungen bezüglich der Verwendung von Recyclingbaustoffen. Was gemäss Normen erlaubt ist, soll auch umgesetzt werden. An den Materialausbau stellen wir wohl aber noch zu wenig konkrete Anforderungen. Diesem Aspekt müssen wir künftig mehr Gewicht beimessen.

Der Amtsvorsteher Stefan Studer diskutiert mit Bernhard Hirschi vom KSE Bern (Fachkommission Technik) über das Potenzial von Recyclingbaustoffen.

Bild vergrössern Der Amtsvorsteher Stefan Studer diskutiert mit Bernhard Hirschi vom KSE Bern (Fachkommission Technik) über das Potenzial von Recyclingbaustoffen.

Da kommt der vom TBA initiierte Runde Tisch ins Spiel. Was spielt er für eine Rolle?

Hirschi: Der Runde Tisch ermöglicht uns, direkt von den Bauherren zu hören, was sie beschäftigt. Wir werden von den Branchenkollegen in der Schweiz beneidet, dass wir uns in diesem Rahmen austauschen können.

Studer: Uns hat er gezeigt, wo wir konkret ansetzen müssen. So haben wir z.B. unsere Ausschreibungsunterlagen angepasst und Pilotprojekte mit Recyclingprodukten durchgeführt. Wichtig ist, dass Bauherren mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Erfahrungen kommunizieren. Diesen Weg geht auch das TBA und nimmt damit eine Vorbildfunktion ein. Aber gibt es denn im Kanton Bern genügend Lagerplätze für Recyclingbaustoffe?

Hirschi: Tendenziell haben wir zu viel Altasphalt, weil kaum noch neue Strassen gebaut, dafür viele bestehende erneuert werden. Bei diesen Sanierungen nehmen wir zwar alle Bauteile aus der alten Strasse raus, verwenden aber unter Umständen nur 50 Prozent davon für den neuen Belag. Die andere Hälfte bleibt auf dem Lagerplatz liegen. Diese Rechnung geht nur auf, wenn wir neue Strassen bauen oder Baustoffe mit höheren Recyclinganteilen herstellen können.

 

Gibt es daneben noch weitere Hürden?

Hirschi: Die Normen sind ein Grund, weshalb wir nicht höhere Recyclinganteile haben – sie schreiben uns einen maximalen Prozentsatz vor. Möglich wäre aber z.B. eine «grüne Strasse»: 95 Prozent der ausgebauten Materialien würden dabei für die neuen Beläge wiederverwendet. Zusammen mit Kunden probieren wir solche Sachen aus, doch stellt sich jeweils die Haftungsfrage. Manchmal sagt der Bauherr, die Garantie liege bei uns. Dieses Risiko können wir bei kleineren, nicht aber bei grösseren Projekten eingehen.

Studer: Unsere Erfahrungen aus Pilotprojekten zeigen: Deckbeläge mit Recyclinganteilen von mehr als den gemäss Norm erlaubten 30 Prozent stehen in den Qualitätseigenschaften herkömmlichen Belägen in nichts nach. Voraussetzung ist jedoch eine saubere Qualitätsüberwachung sowohl in der Produktion als auch beim Einbau der Beläge. Die Bauherren müssen den Mut haben, ein kontrolliertes Risiko einzugehen. Denn Normen hinken der Technik hinterher. Geht man ein gewisses Risiko ein, kann sich ein neuer Stand der Technik etablieren, der wiederum die Normen vorantreibt.


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