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Das grosse Ganze sehen

Schweizer Gewässer müssen vielen Ansprüchen gerecht werden. Deren Schnittstellen, etwa zwischen Hochwasserschutz und Naherholung, bergen oft Konfliktpotenzial. Um dieses zu entschärfen, bindet das kantonale Tiefbauamt die unterschiedlichen Anliegen schon früh in die Planung ein – und erhält konsolidierte und breit abgestützte Lösungen. So geschehen auch bei der Aare/Gürbemündung.

Ob Hochwasserschutz, Renaturierung, Trinkwassergewinnung oder Naturschutz – rund um unsere Gewässer treffen viele Anspruchsgruppen und ihre Interessen aufeinander. All diese Anliegen unter einen Hut zu bringen, ist kein einfaches Unterfangen. Diese Erfahrung hat auch Christian Holzgang, Wasserbauingenieur im Oberingenieurkreis II – Bern Mittelland, gemacht. Beim Hochwasserschutz- und Auenrevitalisierungsprojekt an der Aare/Gürbemündung war er Projektleiter und vertrat den Kanton Bern als Bauherrn. Realisiert wurde das Projekt beim Selhofen Zopfen gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden Belp, Kehrsatz und Köniz.

Berner Gewässer sollen u. a. auch der Naherholung dienen – wie hier die Aare in der Hunzigenau bei Rubigen (Bild: Monica Schulthess).

Bild vergrössern Berner Gewässer sollen u. a. auch der Naherholung dienen – wie hier die Aare in der Hunzigenau bei Rubigen (Bild: Monica Schulthess).

Verschiedenste Anliegen berücksichtigt

«Der Hochwasserschutz greift oft in die Natur und den Lebensraum des Menschen ein – Stichwort Naherholung. Da ergeben sich automatisch Konflikte», erzählt Holzgang. Massnahmen wie Betonmauern oder Steinblöcke ermöglichen es dem Menschen zwar, sich trockenen Fusses in der Nähe des Gewässers aufzuhalten, beeinträchtigen jedoch die ökologische Vielfalt der Natur. Aber auch bei naturnahen Massnahmen entstehen Auseinandersetzungen. So etwa im Selhofen Zopfen bei Kehrsatz: Die Planungsgeschichte zum dortigen Hochwasserschutz war von verschiedenen Stolpersteinen geprägt und hat rund 15 Jahre gedauert. Herausgekommen ist schliesslich ein Projekt, das alle Interessen ausgewogen berücksichtigt: den Hochwasserschutz des Belpmoos, den Schutz von Könizer Trinkwasserfassungen sowie des national bedeutenden, geschützten Auengebiets und nicht zuletzt die Anliegen der Naherholung.

Im Nachgang zu den Massnahmen im Selhofen Zopfen hat sich die Natur von selber weiterentwickelt – etwa mit der Ausbildung eines sandigen Uferstreifens (Bilder: Roger Huber).

Bild vergrössern Im Nachgang zu den Massnahmen im Selhofen Zopfen hat sich die Natur von selber weiterentwickelt – etwa mit der Ausbildung eines sandigen Uferstreifens (Bilder: Roger Huber).

Was ist geschehen?

In der Bauphase von April 2014 bis Ende 2015 hat sich dort einiges getan. Der Aaredamm mit dem Uferweg wurde landeinwärts verlegt, wodurch das geschützte Auengebiet heute zeitweise überflutet und so ökologisch aufgewertet wird. Diese Massnahme geht einher mit dem Credo eines «naturnahen Hochwasserschutzes», der dem Gewässer mehr Platz einräumt und dabei die Sohlenerosion eindämmt. Gleichzeitig schützt der Damm aber auch die dahinterliegenden Trinkwasserfassungen sowie den Flugplatz vor Hochwasser aus der Aare. Ausserdem entstand ein neuer Damm bei der Giesse, der das Land vor Hochwasser aus der Gürbe bewahrt.

Die diversen Hochwasserschutzmassnahmen werten den Selhofen Zopfen auch ökologisch auf.

Bild vergrössern Die diversen Hochwasserschutzmassnahmen werten den Selhofen Zopfen auch ökologisch auf.

Für Holzgang hat die Verlegung des Dammspazierweges weg vom Aareufer quer durchs Naturschutzgebiet keine Verschlechterung für die Naherholung gebracht, wie häufig kritisiert wurde. Ganz im Gegenteil: «Dadurch haben wir einen Mehrwert geschaffen. Denn nun sehen Fussgänger die Vielfalt der Flora und Fauna in einem Gebiet, das ihnen bisher auf natürliche Weise verwehrt wurde.» Einblicke erhalten sie aber auch heute nur vom Dammweg aus, das Betreten des Geländes ist nach wie vor verboten. «Dafür schlendert man nun beim Spazierengehen neben der Giesse entlang, die ökologisch erlebnisreicher geworden ist», setzt Holzgang hinzu.

Der Faktor Mensch

Aus dieser Naherholung ergeben sich aber oft Probleme in solch empfindlichen Natur- und Landschaftsräumen wie dem Selhofen Zopfen. Denn der Mensch und seine Freizeitaktivitäten lassen Spuren zurück – seien es Abfälle, Feuerstellen am Aareufer oder Hinterlassenschaften freilaufender Hunde, die im Naturschutzgebiet angeleint sein müssen. Durch planerische und bauliche Massnahmen wie z. B. Holzzäune entlang des Dammwegs sowie Signalisationen (Fahrverbot, Anlegeverbot für Gummiboote etc.) lassen sich einige Probleme entschärfen. Mehrere Informationsstelen machen zudem auf die verschiedenen Ansprüche im Gebiet aufmerksam und sollen die Naherholungssuchenden für das angemessene Verhalten sensibilisieren.
Mit einer gut durchdachten und umfassenden Planung hat das TBA dieses Konfliktpotenzial schon früh zu reduzieren versucht: «Wir probieren jeweils, die unterschiedlichen Anspruchsgruppen – wie etwa den Naturschutz oder Freizeitverbände – und ihre Interessen zu identifizieren. So können wir sie frühzeitig in den Planungsprozess einbeziehen», meint Holzgang. Auf diese Weise würden die Entscheidungen schliesslich von allen mitgetragen.

Informationsstelen entlang des Weges sensibilisieren Erholungssuchende für das angemessene Verhalten (Bild: Hansueli Trachsel).

Bild vergrössern Informationsstelen entlang des Weges sensibilisieren Erholungssuchende für das angemessene Verhalten (Bild: Hansueli Trachsel).

Mit intensiver Kommunikation zum Ziel

Daneben hat das TBA gemäss Holzgang auf eine intensive Kommunikation gesetzt: «Während den Bauarbeiten wollten wir mit unseren Besucherinformationsführungen die Menschen gezielt abholen. Auch über die Gründe für das nötige Baumfällen – eine sehr emotionale Angelegenheit – haben wir intensiv kommuniziert.» Nach der Eröffnung des neuen Dammweges im Juli 2015 hat das TBA ausserdem eine Aufklärungsaktion zu den Verhaltensregeln direkt vor Ort lanciert.
Doch auch so erreicht man lange nicht alle Betroffenen. Aus diesem Grund organisiert das Tiefbauamt nun Workshops mit Vertretern der verschiedenen Anspruchsgruppen: den Anliegergemeinden, kantonalen Fachstellen, Naturschützern, ProVelo, ProNatura usw. Holzgang: «Wir diskutieren in diesem Rahmen, wer wo welche Interessen hat und bei welchen Punkten wir Handlungsbedarf orten.» Das Ziel sind breit akzeptierte Verhaltensregeln sowie ein guter Informationsstand, den die Interessenvertreter wiederum ihren Leuten weitergeben können.

Hand in Hand

Von einem ist Holzgang aber überzeugt: «Hochwasserschutz und Naherholung schliessen sich nicht gegenseitig aus. Wir suchen stets nach Lösungen, um diese beiden Anliegen massvoll zu verbinden.» Allerdings seien Meinungsverschiedenheiten unumgänglich, denn sie lägen in der Natur der Sache. So wird heute, entsprechend der aktuellen Philosophie im Hochwasserschutz, also versucht, die baulichen Massnahmen mit einem attraktiven Gewässerzugang zu verbinden. Das ist aber nicht überall möglich, beim Selhofen Zopfen schränken zum Beispiel Naturschutzvorschriften die Möglichkeiten ein. An anderen Orten hingegen lässt sich dieses Credo realisieren. So etwa bei der Worble bei Worb: Sie wurde von einem kanalisierten in ein offenes, naturnahes Gewässer mit angrenzendem Gehweg umgestaltet. Letzterer erfreut sich vor allem bei Sonntagsspaziergängern wachsender Beliebtheit. Christian Holzgang resümiert: «Auf diese Weise kann der Hochwasserschutz sogar viel zu einer attraktiven Naherholung beitragen.»


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