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Neophyten mit System bekämpfen

Im Gespräch mit Peter Bettschen, Präsident Gesamtschwellenkorporation Reichenbach, und Daniel Feuz, Strasseninspektor Oberland-West, über Neophytenbekämpfung herrscht Einigkeit: Invasive Pflanzen können nur mit System bekämpft werden.

 

Herr Feuz, welche Neophyten gelten im westlichen Oberland seit wann als problematisch?

Daniel Feuz: Ich arbeite nun seit 14 Jahren beim Tiefbauamt. Damals tauchte die Problematik erstmals bei uns auf. Anfänglich galt der Fokus dem Jakobskreuzkraut, welches für das Vieh giftig, jedoch kein Neophyt, sondern eine Problempflanze ist. Doch rasch kamen echte Neophyten dazu, und es wurden immer mehr – zum Beispiel das Drüsige Springkraut. Schon vor zirka 12 Jahren galt der Japanische Knöterich als äusserst problematisch, er ist extrem schnellwüchsig. Entlang von Strassen wurde vereinzelt auch der Riesenbärenklau zu einem Problem. In den letzten drei Jahren ist das Einjährige Berufkraut (im Bild) auf dem Vormarsch und wir bekämpfen es vermehrt.

Daniel Feuz und Peter Bettschen (im Bild rechts) am Ufer der Kander in Mülenen, wo sie dem Einjährigen Berufkraut den Garaus machen.

Bild vergrössern Daniel Feuz und Peter Bettschen (im Bild rechts) am Ufer der Kander in Mülenen, wo sie dem Einjährigen Berufkraut den Garaus machen.

Herr Bettschen, welche Gewässer der Schwellenkorporation Reichenbach sind besonders stark von Neophyten bewachsen?

Peter Bettschen: Bei uns sind Kander, Chiene, Suld und Reichenbach betroffen. Besonders befallen sind auch der Loui- und der Schlumpbach. Dabei bekämpfen wir die Neophyten seit gut fünf Jahren am Gewässer systematisch. Dazu reissen wir sowohl Goldrute, Sommerflieder wie auch Japanischen Knöterich aus und entsorgen deren Pflanzenmaterial in der Verbrennungsanlage. Gerade am und durch das Gewässer können sie sich aber sehr stark ausbreiten. Daher stellen wir fest, dass die Neophyten nun schon fast auf 2000 m ü. M. vorkommen. Also Höhenlagen, wo sie früher noch nicht anzutreffen waren.

 

Wie sieht die Aufgabenteilung bei der Neophytenbekämpfung im Wasserbau aus?

Feuz: Im kantonalen Gewässerunterhalt haben wir die Oberaufsicht. Sämtliche Arbeiten hierfür bewältigen wir gemeinsam mit den Schwellenkorporationen. Dazu gehört auch die Neophytenbekämpfung. Hierzu erwarten wir von den Schwellenkorporationen, dass sie gemäss unseren Richtlinien und mit System vorgehen. Also verlangen wir vorab von ihnen stets einen genauen Beschrieb der Situation vor Ort mit einem Vorgehensplan, wie die Herde bekämpft werden können. Wir subventionieren schliesslich nur Massnahmen, die wir als wirkungsvoll erachten.

 

Wie viel Aufwand fällt bei Ihnen jährlich dafür an und wie viel Pflanzenmaterial?

Bettschen: Wir sind zu sechst, davon ist eine Person festangestellt – wir arbeiten mit Pensionären (v. a. Landwirte), die uns helfen. Ich bin im fünften Amtsjahr als Präsident und mein Pensum umfasst 30 Prozent. Für die Neophytenbekämpfung wenden wir pro Jahr 800 Mannstunden auf und entsorgen 1,3 Tonnen Pflanzenmaterial.

Feuz: Im Strasseninspektorat Oberland West, also in den Werkhöfen Mülenen und Zweisimmen, hatten wir dafür von Juli 2019 bis Juni 2020 einen Aufwand von 800 Arbeitsstunden und rund drei Tonnen Pflanzenmaterial zu entsorgen. Unser Strassennetz beträgt rund 200 Kilometer.

Im Gespräch: Daniel Feuz und Peter Bettschen mit Einjährigem Berufkraut.

Bild vergrössern Im Gespräch: Daniel Feuz und Peter Bettschen mit Einjährigem Berufkraut.

Können Sie von Erfolgen berichten?

Bettschen: Ja, zum Beispiel hat es an der Suld in diesem Jahr weniger Neophyten – wir sind schon weit gekommen. Jedes Jahr fällt es uns etwas leichter. Dank neuen Techniken und unserer Hartnäckigkeit kennen wir die Standorte immer besser und können vorausschauend planen.

Feuz: Es gibt neuerdings auch eine App – sie heisst Invasiv – die unsere Equipen und die Schwellenkorporationsleute nutzen. Zudem sind es pro Gebiet immer dieselben Leute, die den bekannten Standorten nachgehen und dabei auch neue bemerken und aufnehmen. So kann man vergleichen und Bilanz ziehen. Wir versuchen stetig auszudünnen, mit dem Ziel, den Neophytenbestand jährlich um zehn Prozent zu mindern.

 

Wie läuft das Zusammenspiel mit übrigen Grünflächenbetreuenden, z. B. mit Privatgrundbesitzern, Gemeinde, Forstwirtschaft, Landwirten oder Bahnen?

Feuz: Wir haben mit der Schwellenkorporation einen sehr guten Austausch. Doch macht es keinen Sinn, wenn nur vereinzelte Parteien die Neophyten bekämpfen. Es müssten vermehrt alle, auch Private, am selben Strick ziehen, um die Problematik in den Griff zu bekommen.

Bettschen: Ja, wir sind sehr gemeinschaftlich unterwegs, doch sonst ist es schwierig. Zwar reden wir gelegentlich mit anderen Grundeigentümern und machen sie auf Neophytenherde aufmerksam. Doch haben wir keine gesetzlichen Grundlagen, um die Bekämpfung durchzusetzen. Es passiert auf dieser Ebene gesamthaft zu wenig.

 

Wie reagieren Externe auf die Neophytenbekämpfung?

Bettschen: Da herrscht noch zu wenig Kooperation. Doch sind die Neophyten nun mal sehr widerstandsfähige Pflanzen, welche eine einheimische Artenvielfalt mit der Zeit verunmöglichen! Sie zu bekämpfen, bedingt vereinte Massnahmen aller Beteiligten.

Feuz: Es besteht noch Handlungsbedarf in Sachen Überzeugungsarbeit. Wir laden immer wieder Leute ein, die mit Neophyten zu tun haben, um sie zu informieren. Wichtig sind: systematisches Bekämpfen und richtiges Entsorgen! Wenn die Leute unser Bestreben verstehen, wollen sie oft auch mithelfen.

Bettschen: Genau, denn das Problem ist hausgemacht. Leider wird immer noch im Wald und am Gewässer Grüngut wild entsorgt, und so verteilt es sich immer wieder aufs Neue. Wir räumen daher häufig auch einfach nicht regelkonform entsorgtes Grüngut auf. Ich verstehe nicht, was sich die Leute dabei denken, umso mehr als bei uns das geregelte Entsorgen ja kostenlos ist.

 

Wie lauten Ihre Erkenntnisse, gibt es neue Bekämpfungsarten? Stichwort: Japanischer Knöterich

Feuz: Ja, wir prüfen derzeit gemeinsam mit dem kantonalen Naturschutzaufseher das Ersticken des Japanischen Knöterichs mit einer dicken, schwarzen Folie. Mit dieser decken wir die Fläche ab, sodass weder Regen noch Sonnenlicht durchdringen kann. So wollen wir das Wachstum stoppen und die Pflanze zum Absterben bringen. Dazu sind wir auf der Suche nach der geeigneten lichtundurchlässigen, unverrottbaren Folie. Also heisst es für uns im Moment noch immer: Ausreissen, ausstechen, ausgraben – manchmal sogar mit dem Bagger. Denn Gifte dürfen wir keine verwenden!
Auch das Bekämpfen mit Dampf ist bei uns ein erfolgversprechendes Thema, das wir in Zukunft noch stärker verfolgen werden.

Bettschen: In den letzten fünf Jahren ist punkto Neophytenbekämpfung vieles besser und unsere Methodik zudem viel systematischer geworden. Das ist zentral, denn nur so können wir dem Problem Herr werden!


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