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Irgendwer räumt das dann schon weg

Littering wirkt sich vielfältig negativ aus. Augenfällig etwa entlang von Kantons- und Nationalstrassen, aber auch in Feld, Wald und Gewässern. Das machen die Aussagen von Strasseninspektor Fritz Witschi deutlich. Er ist zuständig und tätig im Strasseninspektorat Seeland. Auch für den Landwirt aus Belp, Fred Grunder, ist Littering ein unlösbares Dauerthema. Als Ingenieur Agr. HTL betreibt er seit 2005 seinen eigenen Betrieb mit 28 Milchkühen plus Aufzucht, bei ihm wächst Weizen, Gerste, Kartoffel, Zuckerrübe, Raps, Silomais und natürlich Gras. Wir führten mit beiden ein Gespräch.

 

Wo begegnen Sie Littering?

Fritz Witschi: Entlang von allen Strassenrändern und noch einige Meter weit ins Land hinein.

Fred Grunder: Wir besitzen insgesamt 28 ha Land. Da treffe ich fast überall auf Abfall. Besonders krass an der vielbefahrenen Hauptstrasse, die mitten durch unser Anwesen führt – einer Kantonsstrasse mit Kreisel. Beim «Lindenkreisel» staut sich abends der Verkehr. Da haben wir immer Müll auf der Wiese. Doch auch von Zufussgehenden – vor allem Jugendlichen – liegt entlang eines Gehwegs viel Abfall herum.

Fritz Witschi, Strasseninspektor Seeland, und Fred Grunder, Landwirt Belp

Bild vergrössern Fritz Witschi, Strasseninspektor Seeland, und Fred Grunder, Landwirt Belp

Um welche Art Abfall handelt es sich in erster Linie?

Witschi: Wir finden einfach alles, insbesondere Glas, PET, Plastik, Papier, Aludosen, Zigarettenstummeln und –schachteln, Schuhe, Kreditkarten, Ausweise und manchmal sogar ein «Zehnernötli». Solches wird während der Fahrt aus dem Autofenster geschmissen und der Wind trägt den Unrat dann ins Land. Essensreste und viele Take-Away-Verpackungen sind auch dabei. Wir spüren die Folgen veränderter Verpflegungsgewohnheiten wie der «to-go»-Mentalität.

Grunder: Beim Kreisel ist es Verpackungsmaterial aller Art, vor allem PET und Plastik. Beim Gehweg sind es zumeist Aludosen von Energy-Drinks oder Bier. Zigarettenstummel sind dagegen weniger ein Thema als noch vor einigen Jahren. Ab und zu finden wir einen abgetragenen Flipflop-Schuh aus Kunststoff, manchmal mitten im Feld. Ich gehe davon aus, dass dieser vom Marder oder Fuchs da hingetragen wurde. Doch muss ja Derartiges zuvor irgendwo gelegen haben.

 

Wie würden Sie den typischen Litterer umschreiben?

Witschi: Es gibt keinen Typ dahinter, weil die Person zumeist anonym bleibt. Unachtsamkeit, Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit sind die Voraussetzungen für ein derartiges Handeln. Diejenigen, die Kehrichtsäcke deponieren, zählen wir hier nicht dazu. Sie gehören in eine andere Kategorie. Wir nennen sie «Kehricht-Touristen» und ihren Unrat treffen wir häufig auf Rastplätzen und Waldrändern an. Dieses bewusste Liegenlassen von Kehricht hat zum Glück in letzter Zeit abgenommen. Doch wird halt oft gedacht: Irgendwer räumt das dann schon weg.

Grunder: Ich denke auch, das passiert aus purer Bequemlichkeit. Oder man will noch rasch das Auto leerräumen und im Schritttempo beim Kreisel geht das halt sehr bequem.

 

Haben Sie schon einmal einen Litterer dabei erwischt?

Witschi: Nein, und ich wüsste nicht, wie man einen Fahrzeuglenker deswegen anhalten könnte. Autokennzeichen aufschreiben, Polizei benachrichtigen, das lohnt sich alles nicht.

 

Was möchten Sie einem Litterer gerne einmal sagen, Herr Grunder?

Grunder: Stopp, denk über dein Tun nach – Aludosen haben doch nichts am Boden verloren!

Dieses Pneudepot fand die Unterhaltsequipe vom Strasseninspektorat Seeland am Rande der Autostrasse Lyss–Biel.

Bild vergrössern Dieses Pneudepot fand die Unterhaltsequipe vom Strasseninspektorat Seeland am Rande der Autostrasse Lyss–Biel.

Wie viel Littering räumen Sie weg und wieviel Aufwand entsteht dadurch?

Grunder: Das «Ghüderzämeläse» ist eine Daueraufgabe von uns. Wenn wir übers Feld gehen, sind wir automatisch am Kontrollieren und meistens ist da auch etwas zum Wegräumen. Ich kann meinen Aufwand nicht quantifizieren. Klar ist: Mehr Autos verursachen mehr Littering. Das beobachten wir vor allem auf unserem Feld nahe der Hauptstrasse.

Witschi: Auf 330 Kilometern Kantonsstrassen und 50 Kilometern Autobahnstrecke fallen in unserem Strasseninspektorat jährlich etwa acht bis neun Tonnen Strassenkehricht an. Ungefähr die Hälfte davon verursacht das Littering. Unsere fünf Unterhaltsequipen sind pro Woche mit jeweils einem Mann einen Tag mit dem Wegräumen und Einsammeln von Müll beschäftigt. Das sind also 40 Arbeitsstunden pro Woche für das «Ghüderzämeläse». Hinzu kommen jährliche Entsorgungskosten von rund 5000 Franken.

 

Was kann, was soll man gegen Littering unternehmen?

Witschi: Ich denke, das fängt bei der Erziehung an – daheim und in den Schulen sollte dafür Bewusstheit geschaffen werden. Auch Aktionstage, wo man als Schulklasse oder Gemeinde sich gemeinsam krümmt, um achtlos Liegengelassenes am Strassenrand, auf der Wiese und im Wald zusammenzulesen – und sich vielleicht dabei auch etwas ekelt – das wirkt.

 

Was halten Sie von Geldbussen?

Witschi: Für das Kehricht-Deponieren erachte ich sie als richtig. Beim Littering bringt aber die Geldbusse allein nichts. Da muss eine Gewohnheit weg und stattdessen muss das Wissen um den Schaden an der Umwelt zunehmen.

Grunder: Okay, übers Portemonnaie kann man bekanntlich vieles regulieren. Doch wer versteckt sich im Maisfeld, springt hervor und fasst den Litterer? Ich finde, wir sind genügend reglementiert und kontrolliert. Es braucht nicht noch mehr Gesetze. Ich appelliere an den gesunden Menschenverstand. Jeder denkfähige Mensch weiss doch, dass eine Aludose nicht in die Umwelt gehört. Mein Lösungsvorschlag ist das Einführen eines Dosenpfands, und auf Glasflaschen sollte sowieso immer ein Depot sein. Wenn es 50 Rappen für jedes Fläschli und jede Dose zu holen gäbe, würde bestimmt immer irgendwer das Ganze zurückbringen. (lacht)

Der eingesammelte Strassenghüder von einem ganz normalen Morgen im Strasseninspektorat Seeland.

Bild vergrössern Der eingesammelte Strassenghüder von einem ganz normalen Morgen im Strasseninspektorat Seeland.

Gefährdet das Littern den Verkehrsteilnehmenden?

Witschi: Nein, nicht direkt. Der Abfall fliegt meistens von der Strasse weg. Daher sind Fahrzeuglenkende nicht in Gefahr. Jedoch kann der Müll vor allem für grasfressende Tiere gefährlich werden. Insbesondere Metallteilchen von Aludosen sind sehr gefährlich. Davon können Landwirte und Wildhüter ein trauriges Lied singen.

 

Herr Grunder, hat sich eines Ihrer Tiere schon einmal am Abfall verletzt?

Grunder: Nein, zum Glück nicht! Ich verfüttere kein frisch gemähtes Gras. Im Heu höre ich es, wenn ich es in den Barren gebe. Dann heisst es, rasch das Teil rausnehmen, sonst verschlingt es die Kuh. Alu oder PET fische ich häufig heraus. Besonders gefährlich ist solches Material für Tiere, wenn es ins Mähwerk kommt, also in geschreddertem Zustand. Da müssen wir höllisch aufpassen, dass uns nichts entgeht.


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