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Was den Klimaschutz zukunftsfähig macht

Zum Klimawandel im Gespräch mit Rolf Weingartner, emeritierter Professor am Geographischen Institut der Universität Bern, und Markus Wyss, Kreisoberingenieur OIK I Oberland. Der Ingenieur und der Klimakenner regen zu neuen Denkformen an. Der beste Klimaschutz, so sind sie sich einig, ist die Reduktion des CO₂-Ausstosses, wie sie das Übereinkommen von Paris vorsieht.

 

Herr Weingartner, Sie sind zwar emeritiert, also pensioniert, doch immer noch aktiv in der Hydrologie, der Lehre vom Wasser tätig. Mit welcher Herausforderung des Klimawandels beschäftigen Sie sich im Moment?

Rolf Weingartner: Zurzeit arbeite ich an einem interessanten Projekt im Auftrag des Bundesamts für Umwelt BAFU, bei dem es darum geht, zu analysieren, welche Fliessgewässer in den Voralpen, im Mittelland und im Jura besonders anfällig sind für Trockenheit. Hier steht man vor grundsätzlich neuen Herausforderungen, da die Sommertrockenheit stark zugenommen hat. Wie die Jahre 2003, 2011, 2015 und 2019 zeigen – in der Folge gab es zum Beispiel viele Notabfischungen. 

Markus Wyss und Rolf Weingartner (rechts) im Gespräch.

Bild vergrössern Markus Wyss und Rolf Weingartner (rechts) im Gespräch.

Dem Wasser kommt im Klimawandel eine Schlüsselrolle zu. Wird das Wasser bei uns absehbar sogar knapp?

Markus Wyss: Nein, die Klimaszenarien zeigen auf, dass wir bis in 50 Jahren über ein ganzes Jahr gesehen nicht zu wenig Wasser zur Verfügung haben werden. Das tönt nur im ersten Moment gut. Denn tendenziell wird die Niederschlagsmenge im Sommer stark ab- und im Winter zunehmen. Wasserknappheit dürfte im Sommer noch häufiger auftreten. Und wegen des Gletscherschwunds und der schneeärmeren Winter wird Niederschlag in höheren Lagen weniger gespeichert und im Winter unmittelbar in grösseren Mengen abfliessen. Man müsste den Niederschlag im Winter künstlich speichern können, um im Sommer die Knappheit auszugleichen.

Weingartner: Wasser wird nur dann knapp, wenn man nichts tut. Doch wer ist man? Meiner Meinung nach müsste die wasserwirtschaftliche Planung stärker von Bund und Kantonen vernetzt geprägt sein. Heute werden die verschiedenen Aspekte des Wassers meist sektoriell betrachtet. Vielleicht sollte das vor einigen Jahren abgeschaffte Bundesamt für Wasserwirtschaft wieder reaktiviert werden. Der Klimawandel erfordert eine interdisziplinäre, pro-aktive, zukunftsgerichtete Vorgehensweise. Wir sind aber vor allem stark im Reagieren; ein gutes Beispiel dafür ist die schnelle Instandstellung von Hochwasserschäden.

 

Wie plant man den Umgang mit Risiken aus Naturgefahren zukunftsgerecht – haben Sie dazu ein Beispiel aus Ihrem Arbeitsalltag, Herr Wyss?

Wyss: Im Moment planen alle noch zu sehr rückwärtsschauend. Aus der Vergangenheit wird in die Zukunft extrapoliert. Doch wir sind mit einer Zukunft konfrontiert, die wir noch nicht kennen. Fest steht: Extremereignisse werden häufiger und stärker. Doch unklar bleibt: in welchem Ausmass. Mit dieser Unsicherheit müssen wir künftig bei Schutzprojekten in Szenarien und risikoorientiert denken und uns fragen, wer welches Risiko wie tragen kann. Dazu ist der Dialog mit den Gemeinden und den Betroffenen zentral.
Bei einigen Planungen sind wir schon in der Art vorgegangen, beispielsweise beim Entlastungsstollen in Thun oder am Spreitgraben in Guttannen. Mögliche Murgänge gefährden da weiterhin den Bestand der Strasse. Um entscheiden zu können, ob wir eine sehr teure Strassenverlegung planen müssen, haben wir mit der Gemeinde Guttannen diskutiert und kamen zum Schluss: Vorderhand sind Notfallplanungen ausreichend.

Weingartner: Für den Hochwasserschutz ist risikoorientiertes Handeln unbedingt notwendig, bei dem sowohl die Gefahrensituation als auch die potenziell betroffenen Sachwerte mitberücksichtigt werden. Die heutigen Gefahrenkarten klammern die Sachwerte aber weitgehend aus, vermitteln damit ein unvollständiges Bild und verhindern einen massgeschneiderten und effizienten Hochwasserschutz.

Der Temperaturanstieg könnte sich bis weit über dieses Jahrhundert hinaus fortsetzen. (Bild: National Centre for Climate Services NCCS)

Bild vergrössern Der Temperaturanstieg könnte sich bis weit über dieses Jahrhundert hinaus fortsetzen. (Bild: National Centre for Climate Services NCCS)

Bei Risiken von Naturgefahren wird die Überwachung in Gefahrengebieten intensiviert. Wie geschieht das im Kanton Bern?

Wyss: Es gibt im Kanton um die 200 Gefahrenstellen, die messtechnisch überwacht werden. Das BAFU überfliegt zudem die Gletscher regelmässig. Schliesslich gibt es eine Vielzahl von Abfluss- und Pegelmessstellen an Flüssen und Seen. Die Fachstellen des Kantons und die Gemeinden haben so einen guten Überblick über die Entwicklung der Gefahrenstellen. Im Verlaufe der Zeit und anhand der Beobachtungen und Messdaten entscheiden wir gestützt auf die Empfehlung von Fachspezialisten, ob und wie wir die Überwachung intensivieren. Mit dem Ziel, immer genügend Zeit für die Planung der Schutzvorkehrungen zu gewinnen, ohne zu früh unnötig zu handeln. Im Hinblick auf Ereignisse profitieren die Gemeinden von ihren Naturgefahrenberaterinnen und Naturgefahrenberatern (NGB) und von unseren Vorlagen und Empfehlungen für das Ausarbeiten von Notfallplanungen.

Weingartner: Gerade die Notfallplanung ist in der Schweiz auf einem hohen Niveau. Der Kanton Bern ist fortschrittlich im Umgang mit Naturgefahren. Dazu wurde in den letzten Jahrzehnten sehr viel geleistet – das ist sehr vorbildlich. Vor allem das Hochwasser im August 2005 hat dieser Entwicklung einen gewaltigen Schub verliehen. Hochwasserschutz ist eine Daueraufgabe, zumal sich die Hochwassergefahr in Zukunft tendenziell noch verstärken wird. Denn die Starkniederschläge werden mit der Klimaerwärmung intensiviert, die Nullgradgrenze wird weiter steigen und dadurch nimmt die überregnete Fläche zu.

 

Welches ist Ihre Vision für den Klimaschutz auf strategischer Ebene, Herr Weingartner?

Weingartner: Ganz generell verfügt der Kanton Bern mit der Universität Bern über eine ausgezeichnete Hochschule, die er zum Beispiel als Denkfabrik viel mehr nutzen könnte. Ich denke hier nicht nur, aber auch an emeritierte Professorinnen und Professoren. Sie verfügen über ein langjähriges Knowhow, sind sehr interessiert an der Sache und haben eine hohe Bereitschaft, sich einzubringen.


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