Suchbereich

Stichwörter von A bis Z

Navigation




Jeder Baustoff ist rezyklierbar

Über Recyclingbaustoffe im Gespräch mit Adrian Meer, Vizepräsident des Kantonal-Bernischen Baumeisterverbandes und Geschäftsführer der KIBAG Bauleistungen AG, Langenthal, und Roger Schibler, Kreisoberingenieur OIK IV Oberaargau/Emmental. Der Ingenieur und der Baubranchenkenner sind sich einig: Baustoffe, die zukünftige Generationen belasten, sind heute passé.

 

Herr Meer, wie ist die Baubranche gegenüber Recyclingbaustoffen eingestellt?

Adrian Meer: Seit gut 20 Jahren verwerten Bauunternehmer Aus- und Abbruchmaterialien – mehr oder weniger professionell. Früher waren die Normen und Auflagen noch nicht so streng. Im Laufe der Zeit wurden aber enge Normen und Vorgaben zu Qualitätsprüfungen eingeführt. Die Bauunternehmer und auch die Kiesbranche nehmen den ökologischen Auftrag betreffend Verwendung von Recyclingbaustoffen und damit zur Schonung der Deponien sehr ernst.

Adrian Meer und Roger Schibler (rechts) im Gespräch – im Hintergrund wird Altbelag für die Wiederverwertung gebrochen.

Bild vergrössern Adrian Meer und Roger Schibler (rechts) im Gespräch – im Hintergrund wird Altbelag für die Wiederverwertung gebrochen.

Welche Haltung nimmt das Tiefbauamt dazu ein?

Roger Schibler: Wir fördern seit 2014 die Verwendung von Recyclingbaustoffen. Zu Beginn war noch eine gewisse Zurückhaltung spürbar – auch intern. Unterdessen hat sich das geändert. Aus Erfahrungen weiss die Baubranche: Mineralische RC-Baustoffe sind gute Baustoffe. Zudem schonen wir mit einer hohen Recyclingrate natürliche Ressourcen, Deponieraum und unsere schöne Landschaft.

 

Rezyklieren von Baustoffen eignet sich für welche Materialien und Einsätze?

Meer: Man kann jeden Baustoff rezyklieren, aber es gibt Grundsätze, die eingehalten werden sollten. Kein «Downcycling»: Aus einem hochwertigen Abbruchmaterial muss wieder ein hochwertiges hergestellt werden. Zudem gilt das Vermischungsverbot: etwa keine Recyclingmaterialien mit sauberem Kies zu vermischen. Zusammengefasst dürfen keine minderwertigen oder problematischen Materialien hergestellt werden! Am besten gelingt das mit meinem persönlichen Grundsatz: Gleiches zu Gleichem. Das bedeutet: Schwarz zu Schwarz und Grau zu Grau, also Belag zu Belag und Beton zu Beton.

Schibler: Das ist vorbildlich. Denn Recyclingbaustoffe sind breit anwendbar. Von der Dammschüttung bis zum Strassenbelag – vieles ist möglich. Einen guten Überblick dazu zeigt die gut verständliche Broschüre: «Verwendungsempfehlungen für mineralische Recyclingbaustoffe».

 

Wie verhält sich die Qualität von Recyclingbaustoffen im Vergleich zu der von Primärbaustoffen?

Schibler: Die einschlägigen Normen und Richtlinien geben die Anforderungen an ein Baumaterial vor. Erfüllt das Recyclingmaterial diese, so ist seine Qualität vergleichbar mit derjenigen des Primärmaterials. Es gibt natürlich Ausnahmen und auch bessere und weniger gut geeignete Baustoffe – das gilt aber auch für die primären.

Meer: Ich betrachte die Qualität von Recyclingbaustoffen aus verschiedenen Gesichtspunkten: zu erfüllende Eigenschaften, Verträglichkeit für unsere nachfolgenden Generationen und Ökologie bei der Aufbereitung und beim Transport. Es hält daher nicht jeder Recyclingbaustoff dem Vergleich mit Primärmaterial stand. Grundsätzlich von guter Qualität sind rezyklierter Beton und Belag. Problematisch hingegen sind Baustoffe mit chemischen Belastungen, auch wenn sie heute noch gesetzeskonform sind. Hier drängt sich die Frage auf, ob und wann bestimmte Grenzwerte gesenkt werden. Zum Beispiel ist Elektroofenschlacke mit Schwermetallen belastet, die heute innerhalb der Grenzwerte liegen, was sich in Zukunft aber ändern kann. In unserer Vorstellung sind Recyclingbaustoffe vorerst immer etwas Grünes. Doch beim genauen Hinschauen entdeckt man, dass es bei der Herstellung der Materialien einen hohen Anteil Grau-Energie hat oder weite Transportdistanzen. Der beste Fall ist daher ein Material, das direkt auf der Baustelle ohne grossen Aufwand aufbereitet und verbaut werden kann.

Problematik: Für Ausbauasphalt (Altbelag) fehlt im Kanton genügend Deponieraum.

Bild vergrössern Problematik: Für Ausbauasphalt (Altbelag) fehlt im Kanton genügend Deponieraum.

Wie schlägt sich das Recycling auf den Preis?

Schibler: Das hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel von der Materialverfügbarkeit oder den Transportwegen. Das Material an und für sich ist oft nicht der entscheidende Kostenpunkt. Unsere Preisanalysen bei Bauausschreibungen lassen denn auch keinen Preisunterschied erkennen.

Meer: Das stimmt. Auch weil die Herstellung von Recyclingbaustoffen aufwändig ist, sind diese nicht günstiger. Sie stehen zudem in Konkurrenz mit Kies, von welchem es im Mittelland grosse Vorkommen gibt und das verhältnismässig günstig ist. Anders bei Mischabbruch etwa aus Backstein, Mörtel oder Verputz. Diese Materialien sind schwieriger wiederverwertbar und die Deponiegebühren zur Entsorgung hoch. Allerdings kann Mischabbruch nur bei tiefen Qualitätsansprüchen eingesetzt werden und macht keinen grossen Anteil des gesamten Recyclingmaterials aus. Als Recyclingbaustoff ist Mischabbruch daher günstiger.

 

Was wünschen Sie sich für die Recyclingbaustoffe in Zukunft?

Meer: Die Anpassung der Normen ist zwingend! Diese sollten nur noch die Eigenschaften und nicht mehr die prozentualen Anteile von Recyclingmaterial definieren. Recyclingbaustoffe müssen spezifischen Anforderungen entsprechen – alles andere ist nicht relevant und darf der Innovationskraft der Bau- und Kiesbranche überlassen werden. Diesbezüglich laufen derzeit auf politischer Ebene Bestrebungen. Zudem müssten die Bauherren ihre Verantwortung für die Entsorgung von nicht rezyklierbaren, belasteten Materialien wahrnehmen. Die Kantone Aargau und Basel praktizieren das bei belastetem Altbelag bereits. Meine eingangs erwähnten Grundsätze sollten für alle Akteure gelten. Denn mit Baustoffen, die schon morgen zu Belastungen führen können, liegen wir definitiv falsch!

Schibler: Auf begründete Anliegen seitens der Baubranche gehen wir, wenn immer möglich, ein. So konnten wir dank des regelmässigen Austauschs mit der Wirtschaft rasch auf die Problematik des fehlenden Deponieraums für Altbelag reagieren. So haben wir für Belagsschichten von Kantonsstrassen die empfohlenen Recyclinganteile um 20 Prozent erhöht, bei gleichbleibender Qualität. Erfreulicherweise hat sich im Kanton Bern die Recyclingrate bei den mineralischen Rückbaustoffen in den letzten Jahren laufend erhöht. Für diese noch nicht abgeschlossene Entwicklung werden häufig nur die grossen Bauherren verantwortlich gemacht. Dabei geht vergessen, dass viele kleine Bauherren ebenfalls einen wesentlichen Beitrag leisten.


Weitere Informationen

 


Mein Warenkorb ([BASKETITEMCOUNT])

Informationen über diesen Webauftritt

https://www.bve.be.ch/bve/de/index/direktion/organisation/tba/TBA_update/TBA-Newsletter-Juni-2020/gespraech-kreisoberingenieur-und-geschaeftsfuehrer-meer.html