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Mobilitätshubs – damit Umsteigen attraktiver wird

Kombinierte Mobilität, funktionierende Transportketten mit schlanken Anschlüssen, attraktive Umsteigeknoten. Was können solche Angebote zur Entlastung des Verkehrssystems beitragen? Martin Moser, Fachbereichsleiter Verkehr bei der Regionalkonferenz Bern-Mittelland, und Kantonsoberingenieur Stefan Studer im Gespräch.

 

Herr Moser, die kombinierte Mobilität ist ein Gebot der Stunde. Fahren Sie auch «kombiniert» von Zuhause an Ihren Arbeitsplatz?

Moser: Weil mein Arbeitsweg nur zwei Kilometer lang ist, bin ich meistens mit dem Velo unterwegs. Nur bei extremem Wetter nehme ich den Bus.

 

Kombinierte Mobilität bedeutet, dass für den Weg von A nach B verschiedene, sich ergänzende Transportmittel gebraucht werden. Worauf kommt es an, damit solche Transportketten funktionieren?

Moser: Entscheidend ist die Frequenz des öffentlichen Verkehrs. Die Leute studieren nicht gerne Fahrpläne. Sie müssen Gewähr haben, dass sie auch dann innert nützlicher Frist einen Zug haben, wenn sie sich einmal verspäten. Wichtig ist auch, dass die Verkehrsmittel verfügbar sind. Wenn am Zielbahnhof z. B. kein Leihvelo zur Verfügung steht oder der Bus lange auf sich warten lässt, schwindet die Attraktivität der kombinierten Mobilität sofort.

Studer: Dasselbe gilt auch am Umsteigebahnhof, wo Auto- und Veloparkplätze in nächster Nähe verfügbar sein müssen. Und deren Bezahlen darf nicht kompliziert sein. Kombinierte Mobilität heisst für mich auch ein kombiniertes Tarifsystem. Hier orte ich grossen Nachholbedarf.

Kantonsoberingenieur Stefan Studer (links) im Gespräch mit Martin Moser, Fachbereichsleiter Verkehr bei der Regionalkonferenz Bern-Mittelland.

Bild vergrössern Kantonsoberingenieur Stefan Studer (links) im Gespräch mit Martin Moser, Fachbereichsleiter Verkehr bei der Regionalkonferenz Bern-Mittelland.

Welche Rolle spielt das Pricing für die kombinierte Mobilität?

Moser: Der Preis ist ein wichtiges Steuerungsmittel: Je weiter weg von einer Kernzone, umso günstiger müssen die Parktarife an Bahnstationen sein. Sonst verpufft der Anreiz zum Umsteigen.

Studer: Zudem muss das Pricing eben verkehrsübergreifend sein. Wenn ich in Gümmenen mein Auto parkiere, sollte ich mit einem kombinierten Parkticket auch gleich jenes für den Zug und das Tram in der Stadt lösen können.

Moser: Steuern lässt sich das System auch über ein verknapptes Parkplatzangebot in den Zentren oder über Einschränkungen auf bestimmten Zufahrtsachsen. Auch das beeinflusst letztlich den Preis.

 

Park+Ride- und Bike+Ride-Anlagen kennen wir schon lange. Jetzt ist die Rede von sogenannten Mobilitätshubs. Was ist das Neue daran?

Studer: Das Neue ist, dass ein Mobilitätshub zusätzliche Funktionen erfüllt: Hubs sind intermodal, das heisst, es sind Umsteigeplattformen für mehrere Verkehrsmittel (Bahn, Bus, Postauto, Auto, Velo etc.), sie bieten zusätzlich Einkaufsmöglichkeiten und dienen unter Umständen auch dem Güterumschlag.

Moser: Ein Hub soll ÖV-Kundinnen und -Kunden einen Mehrwert bieten: Dass ich z. B. auf dem Nachhauseweg noch rasch meine Einkäufe erledigen kann. Die Herausforderung besteht darin, dass wir mit einem Hub nicht einen neuen Einkaufsmagneten schaffen, der wiederum zusätzlich Verkehr generiert.

 

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland hat soeben eine Studie zu Mobilitätshubs in Auftrag gegeben. Warum?

Moser: Das Thema ist bei Transportunternehmen plötzlich sehr aktuell geworden. BLS, RBS, Postauto – alle wollen in der Agglo Bern Hubs bauen. Wir möchten jetzt abklären, wo solche Hubs in der Agglomeration Bern Sinn machen, wie sie auszustatten und zu dimensionieren sind.

 

Warum sieht sich bei dieser Frage die Regionalkonferenz in der Pflicht?

Moser: Es gibt zwar viele Ämter und Fachstellen, die sich mit Verkehrs- und Planungsfragen befassen, aber auf regionaler Ebene laufen die Fäden letztlich bei uns zusammen. Später, wenn es um die Umsetzung geht, werden dann andere gefragt sein: der Kanton, die Gemeinden, die Transportunternehmen.

Studer: Die Region ist prädestiniert für diese Rolle. Es ist im kantonalen Strassengesetz vorgesehen, dass die Region im Rahmen des Regionalen Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzepts (RGSK) auch Anlagen für kombinierte Mobilität von regionaler Bedeutung vorschlägt. Das Tiefbauamt nimmt diese Anlagen in den Strassennetzplan auf und schafft so die Voraussetzung, dass der Kanton Investitionsbeiträge bis zu 40 Prozent zahlen kann.

 

Macht die Region Bern-Mittelland hier Pilotarbeit für andere Regionen?

Moser: Das ist eigentlich das Ziel der Studie. Wir haben unter den Regionen einen engen Austausch. Die Region Bern-Mittelland ist als Pilotgebiet deshalb geeignet, weil bei uns von der Hauptstadt bis zur ländlichen Kleinstgemeinde alles vertreten ist. Wir bilden quasi den Kanton im Kleinen ab. Erkenntnisse aus unserer Studie sollten also später auch auf andere Regionen übertragbar sein, vielleicht sogar über die Kantonsgrenzen hinaus.

 

Welches sind die hauptsächlichen Probleme oder Hürden bei der Schaffung von Mobilitätshubs?

Moser: Kombinierte Mobilität verlangt ein grossräumiges Denken. Wenn eine Gemeinde sich dagegen wehrt, dass Pendler aus anderen Gemeinden die P+R-Anlage an ihrem Bahnhof benützen dürfen, so kommen wir nicht voran. Hier muss man vor allem an jene Gemeinden appellieren, die gut mit dem ÖV erschlossen sind.

Studer: Die Planung von Mobilitätshubs ist eine ausgesprochen komplexe Aufgabe, welche sowohl raumplanerische wie auch verkehrsplanerische Aspekte umfasst. Es sind sehr viele Interessen betroffen, was die Lösungsfindung entsprechend anspruchsvoll macht. Diese Aufgabe ist nur zu bewältigen, wenn die betroffenen Gemeinden, Regionen und der Kanton eng zusammenarbeiten.

 

Was bedeuten die neu aufkommenden Mobilitätsangebote und der Elektro-Boom für die kombinierte Mobilität?

Moser: Zweifellos erweitert das die Möglichkeiten. Das gilt für die E-Mobilität ebenso wie für neue Angebote wie Car-Sharing, Publi-Bike und -Trottinett. Wir sind mit anderen Studien daran, diese spannenden Entwicklungen zu untersuchen. Wir haben bei der kombinierten Mobilität übrigens auch die Zulieferketten im Auge: Statt dass jede halbe Stunde vier verschiedene Lieferdienste im Quartier vorfahren, sollte man diese Zustellungen vermehrt koordinieren, so wie das die Bauern für den Milchtransport in die Käserei auch machen.


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