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40 Jahre Frauenstimmrecht

Der Apéro zu 40 Jahre Frauenstimmrecht war ein einmaliges Erlebnis: Aus der ganzen Schweiz sind Frauen angereist, die am 7. Februar 2011 vierzigjährig werden und damit gleich alt sind wie das Frauenstimmrecht in der Schweiz. Zusammen haben wir im Berner Rathaus gefeiert.

Eine Frau ist gar aus Brüssel angereist. Was mich besonders berührt hat: Die meisten der Töchter vom 7.2.1971 haben ihre Mutter mitgebracht, einige ihre eigenen Töchter. Mütter haben mir erzählt, dass sie den damaligen Abstimmungssonntag 1971 sehr bewusst wahrgenommen und sich für ihre frisch geborene Tochter gefreut hätten; Töchter sagten, sie seien im Bewusstsein aufgewachsen, an einem sehr speziellen Tag auf die Welt gekommen zu sein.Ja, dieser Apéro war eine Freude! Auch darüber, dass Marthe Gosteli, Gründerin des Archivs der Schweizer Frauengeschichte, gekommen ist; eine Freude über den Auftritt der Schauspielerin Silvia Jost und über die Darbietungen der Musikkabarettistinnen in Pettycoats, die drei jungen Frauen von „siJamais“. Und es bedeutete für mich auch eine Freude, über ein Herzensanliegen von mir sprechen zu dürfen, über die Gleichstellung von Frauen:

« Liebe Mütter und Töchter des Frauenstimmrechts. Es ist schön, Sie alle hier zusammen zu sehen:

  • Ich begrüsse alle die Frauen, die am Abstimmungs-Sonntag 1971 auf die Welt gekommen sind. Ich muss sagen: Sie haben sich den Tag Ihrer Geburt sehr gut ausgesucht – Gratulation zu diesem präzisen Timing!
  • Ich begrüsse auch die Mütter dieser Töchter des Frauenstimmrechts. Und ich stelle mir vor, wie Sie damals am Abstimmungs-Sonntag vielleicht am Radio gehört haben, dass das Frauenstimmrecht durchgekommen ist – und stelle mir vor, wie Sie ihrem neu geborenen Töchterchen zugezwinkert haben.
  • Viele dieser Töchter von damals sind heute auch schon Mütter. Zwei ihrer Mädchen darf ich heute hier begrüssen. Für sie ist das Frauenstimmrecht schon uralte Geschichte. Und das ist gut so.
  • Ich begrüsse auf der andern Seite des Generationen-Spektrums eine ganz grosse Grossmutter des Frauenstimmrechts: Ich bin stolz, dass Marthe Gosteli bei uns ist, die Gründerin des Archivs der Schweizer Frauengeschichte und Vorkämpferin der Gleichstellung. Es ist diesen Pionierinnen zu verdanken, dass es das Wort „Politikerin“ überhaupt gibt . . .
  • . . . und dass ich als Politikerin heute auch eine Reihe von Politikerinnen begrüssen darf.

Ich fühle mich ein bisschen wie bei einem Familientreffen. Alle Generationen sind vertreten: Die Grossmütter, die Mütter, die Töchter, die Enkelinnen. Jede Frauen-Generation hat eine eigene Geschichte zu erzählen. Und trotzdem sind wir alle ein Teil derselben Geschichte, gehören wir alle zur gleichen Familie:

Da ist die Grossmutter. Wir hören ihr zu und staunen, was sie in ihrem Leben alles nicht hatte, was wir heute haben. Zum Beispiel Marthe Gosteli: Sie war so alt wie ich heute, als sie – endlich! – das Stimmrecht bekam. Die Frauen ihrer Generation haben jahrelang dafür gekämpft, nein: jahrzehntelang! Zuerst gab es nur Rückschläge: Im ersten Anlauf 1959 sagten die Schweizer Männer massiv Nein zum Frauenstimmrecht – mit Zweidrittelmehrheit. Stellen Sie sich das vor! Im Jahr dieser Niederlage war Marthe Gosteli 42jährig (und in der Türkei waren die Frauen damals schon 15 Jahre lang stimmberechtigt!). Mit ihrem Kampf für das Frauenstimmrecht haben unsere Grossmütter den Boden für die politische Gleichstellung gelegt. Ich verneige mich vor ihrer Willenskraft, ihrer Ausdauer, ihrer Standhaftigkeit.

Von den Grossmüttern zur Generation der Mütter. Zum Beispiel die Mütter der Mädchen, die am Abstimmungs-Sonntag von 1971 geboren wurden. Die Frauen dieser Generation haben immer alles unter einen Hut gebracht und tun das noch heute: Die Familie zusammen halten, zum Haushalt schauen, die betagten Eltern pflegen, die Grosskinder hüten, oft noch Teilzeit arbeiten, in der Nachbarschaft helfen, etc. Die Frauen dieser Generation sind Organisatorinnen, Koordinatorinnen, Beraterinnen, Planerinnen, Gestalterinnen, Entscheidungsträgerinnen. Sie haben sämtliche Manager-Qualitäten (was man nicht von jedem Manager sagen kann). Die Frauen dieser Generation – eigentlich müssten wir sie „Chief Family Officers“ nennen – hatten zwar die politische Gleichberechtigung, nicht aber die wirtschaftliche und nicht die gesellschaftliche. Und darum kämpften auch sie: Dafür, dass die Töchter eine gute Ausbildung bekommen. Dafür, dass auch die Söhne lernen, Verantwortung zu übernehmen – auch und gerade im Haushalt! Dafür, dass Frauen bei der Arbeit nicht nur ein Schulterklopfen bekommen, sondern dieselben Aufstiegschancen, denselben Einfluss und dieselben Löhne wie Männer.

Auf dieses Ziel hin muss auch noch die nächste Generation in unserer Familienkette hin arbeiten: Die erwachsenen Töchter. Die Frauen, die am Abstimmungs-Sonntag 1971 geboren sind, werden in einem Monat vierzig. Auch diese Generation verdient für dieselbe Arbeit im Durchschnitt gut 20 Prozent weniger als die Männer. Seit kurzem öffnet sich die diskriminierende Lohnschere sogar wieder. Ganz besonders gross sind die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen im Kader. Das merkt man aber nur, wenn Frauen überhaupt im Kader sind. Was immer noch selten vorkommt: Unter den CEOs und Verwaltungspräsidien der wichtigsten Firmen im Kanton Bern gibt es nur eine einzige Frau. Professorinnen, Chefredaktorinnen, überhaupt Chefinnen sind immer noch ungewohnt – sogar das Korrekturprogramm im „Word“ kennt sie nicht und markiert das Wort „Chefredaktorinnen“ als falsch. Als Verbesserung schlägt es etwas vor, das seiner Ansicht nach sinnvoller ist: „Chefredaktor    innen“. Wenn eine Frau im Beruf Erfolg hat, wird sie oft als krankhaft ehrgeizig und machthungrig dargestellt. Bei den Männern heisst dasselbe: zielstrebig und führungsstark. Er zeigt Charakter – sie ist zickig.

B. Egger-Jenzer mit den Töchtern des Frauenstimmrechts

Bild vergrössern B. Egger-Jenzer mit den Töchtern des Frauenstimmrechts

Aber wir wollen hier nicht jammern. Es gibt ja auch Erfolge!

  • Seit ein paar Wochen haben wir eine Frauenmehrheit im Bundesrat.
  • Der Frauenanteil im Nationalrat steigt Jahr für Jahr, mittlerweile sind wir bei knapp einem Drittel. Natürlich muss man das differenziert anschauen. Es gibt Parteien, bei denen der Frauenanteil bei circa 50 Prozent liegt; auf der andern Seite gibt es Parteien, bei denen er chronisch unter der 10-Prozent-Marke kleben bleibt. Ich sage jetzt nicht, welche Partei das ist.
  • Die Zahl der Krippenplätze nimmt seit Jahren ebenfalls kontinuierlich zu, so dass mehr junge Mütter im Beruf bleiben können. Überhaupt sind immer mehr Frauen erwerbstätig, das heisst: sie sind wirtschaftlich nicht oder weniger abhängig.
  • Und vergessen wir nicht: Wir Frauen prägen die Politik auch als aktive Stimmbürgerinnen in ganz zentralen Punkten. Eine Übersicht über die VOX-Analysen zeigt, dass die Schweizer Frauen bei Abstimmungen stets klare ökologische Akzente gesetzt haben:

    Das Ja zum Atom-Moratorium kam zum Beispiel nur dank den Frauen zustande. Ebenfalls wurde die Alpeninitiative nur wegen den Frauen angenommen. Es waren wir Frauen, die damals den Stein ins Rollen gebracht haben für die moderne Schweizer Verkehrspolitik: für die Schwerverkehrsabgabe LSVA, für die NEAT-Tunnel, für die Verlagerung des Verkehrs von der Strasse auf die Schiene, welche die europäischen Länder heute zu kopieren beginnen. Wäre es nach den Männern gegangen, wäre die Alpen-Initiative damals mit 49% abgelehnt worden und wir hätten heute massiv mehr schwere Camions auf den Strassen und damit mehr Lärm und dreckigere Luft. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich sehe, wie viele Politiker sich gerne als „Vater der Neat“ bezeichnen lassen. Eigentlich müssten wir jetzt einmal eine Mutterschaftsklage einreichen!

Ja, die Töchter des Frauenstimmrechts nutzen die politische Gleichberechtigung, und sie kämpfen weiter: Für ihre Generation, aber auch für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichstellung ihrer Töchter.

Die nächsten in der Generationenkette heute sind die Enkelinnen des Frauenstimmrechts: Die Mädchen von heute folgen keinem starren Rollenmuster mehr. Sie wünschen sich zu Weihnachten Barbiepuppen, aber sie wünschen sich auch Goalie-Handschuhe. Ich glaube, diese Lockerheit und dieses Selbstbewusstsein werden ihnen dabei helfen, auch die wirtschaftliche Gleichstellung zu erlangen. Aber auch diesen Enkelinnen des Frauenstimmrechts werden die Themen nicht ausgehen. Heute sprechen wir vom globalen Feminismus, vom Umgang mit Traditionen aus fremden Kulturen. Die Mädchen von heute sind konfrontiert mit Klassenkameradinnen, deren Mütter einen Schleier tragen – und die manchmal selbst einen tragen wollen oder müssen. Die Mädchen von heute sehen: In einem Burkini kann man keinen richtigen Köpfeler machen. Ihre Generation diskutiert nicht über das Stimmrecht, sondern über die Frage: Bin ich eine Rassistin, wenn ich nicht will, dass der Vater der Klassenkameradin verbietet, beim Klassenfest dabei zu sein? Gleichstellung muss sich in jeder Generation neu behaupten. Die Themen ändern sich, sie werden vermutlich nie ausgehen. Das Anliegen bleibt sich gleich, es heisst: Gleiche Chancen für alle – unabhängig vom Geschlecht und von der Herkunft.

Und darum brauchen wir die Politikerinnen. Im Bild von unserem Familientreffen haben sie eine wichtige Rolle, und es ist überhaupt nicht despektierlich, wenn ich sie als eine Art Gouvernanten beschreibe. Ich gehöre ja selbst zu diesen gestrengen Wächterinnen, die die Gleichstellung scharf im Auge behalten. Egal, in welcher Funktion Frauen Politik machen, egal, für welche Partei sie das tun und aus welcher Region der Schweiz sie stammen: Ich habe noch nie eine Politikerin getroffen, die sich nicht bewusst wäre, dass sie ganz speziell auch an die weibliche Hälfte der Bevölkerung denken muss. Frausein ist kein Parteiprogramm, keine Lebensphilosophie. Frauen sind so verschieden wie es Männer sind. Aber keine einzige Politikerin vergisst, woher sie kommt und wie wichtig es ist, für gerechte Chancen auch der Frauen einzustehen.

„Männer haben eben schon etwas zu verlieren“, hat Alice Schwarzer geschrieben, „und Frauen haben eben schon etwas zu gewinnen. Es hat seinen Grund, dass es eine Frauenbewegung gibt und keine Männerbewegung.“

Liebe Frauen, es ist schön, Sie alle hier zusammen zu sehen. Hier im Rathaus – fern vom Hausrat: Alte und junge Frauen, quer durch die Berufe und Lebensformen, aus verschiedenen Ecken der Schweiz. Wir bilden eine Momentaufnahme, wir sind unterwegs in einer langen Generationenkette, wo jede Generation von der vorhergehenden profitiert und gleichzeitig den Boden bereitet für die nächste.

Ich danke Ihnen allen fürs Kommen. Wir werden heute Fotos machen, Erfahrungen und vielleicht Adressen austauschen. Wir werden weitere Frauen suchen, die am 7. Februar 1971 geboren sind, und wir werden uns wieder treffen, zu einer neuen Momentaufnahme, zu einem späteren Zeitpunkt.

Die Generationenkette reisst nicht ab. Wir bleiben dran – ob Grossmutter, Mutter, Tochter oder Enkelin.

Wir schreiben die Geschichte weiter. Ich freue mich auf die Fortsetzung! »

Artikel BZ

B. Egger mit Töchtern des Frauenstimmrechts

Bild vergrössern Bild: Susanne Keller, Berner Zeitung


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